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„Nord Stream“-Lecks: Nun steht auch US-Sabotage im Raum

Julian Schernthaner

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Einen Tag nach Bekanntwerden der großen Lecks in gleich drei Strängen der beiden „Nord Stream“-Pipelines ist die Suche nach möglichen Schuldigen weiter in vollem Gange. Dass es sich um einen professionellen Anschlag handelt, gilt als sicher. Nun mehren sich die Stimmen, die eine westliche Sabotage am Meeresgrund vor der dänischen Insel Bornholm in Betracht ziehen.

Bornholm/Wien. – Die USA, die seit Jahren versuchen, mit ihrem teuren Flüssiggas den Einstieg auf den europäischen Markt zu schaffen, wären wirtschaftlicher Nutznießer eines völligen Endes der russischen Belieferung Westeuropas mit Gas. Doch es ist nicht nur dieser Hintergrund, der FPÖ-Außensprecher Axel Kassegger stutzig macht. Auch das Auftauchen eines Videos von US-Präsident Joe Biden, der seine Ansicht über die Zukunft von „Nord Stream 2“ zum Besten gibt, bestärkt ihn in diesem Verdacht.

Biden wollte Pipeline „ein Ende setzen“

Zwar irrt Kassegger in der Annahme, es handle sich um ein aktuelles Video – der Umstand, dass die Sequenz vom 7. Februar dieses Jahres stammt, macht es aber nicht minder brisant. Darin erklärte Biden, dass im Falle eines russischen Angriffs auf die Ukraine „kein Nord-Stream 2 mehr geben“ werde, weil man dem Projekt „ein Ende setzen will“.

Auf die Frage, wie man dies trotz der deutschen Kontrolle darüber bewerkstelligen möchte, sagte Biden kryptisch: „Ich verspreche Ihnen, wir werden in der Lage sein, dies zu tun.“ Hielten viele Beobachter die Aussage damals als Anspielung auf die letztlich unterbliebene behördliche Abnahme der Pipeline in Deutschland, erscheint der Auftritt nun in einem anderen Licht.

Polens Ex-Außenminister bedankt sich bei USA

Tatsächlich gibt es – neben dem politisch-wirtschaftlichen Nutzen – auch weitere Indizien, die kritische Beobachter die These einer Beteiligung der USA oder ihrer Verbündeten aufstellen ließen. So sorgte etwa der Umstand, dass ausgerechnet ein Verband der US-Marine in der Vorwoche ein Manöver im Fehmarnbelt veranstaltete, für Aufregung und Spekulationen.

Diese nährte auch Radosław Sikorski, ehemaliger Verteidigungs- und Außenminister Polens, der sich auf Twitter sogar bei den Amerikanern bedankte. Zudem retweetete er im zeitlichen Zusammenhang das Biden-Video. In einem weiteren Tweet beseitigte er Zweifel, dass es sich um Zustimmung zum Nord-Stream Ende handelt: „Wie wir auf Polnisch sagen, eine kleine Sache, aber so viel Freude.“

Detail am Rande: Am gestrigen Dienstag machten auch Berichte die Runde, wonach Polen und Norwegen die Eröffnung der eigenen Pipeline „Baltic Pipe“ feierten.

Auch Russland-These wird diskutiert

In etablierten Medien wiederum herrscht die umgekehrte Deutung vor: So wurde in der ZiB2 etwa unter Berufung auf „westliche Geheimdienste“ behauptet, dass Russland hinter der Sprengung stehen könnte. Auch andere Medien hatten zuvor bereits eine russische „False Flag“-Aktion in den Raum gestellt. Auch eine Sabotage von ukrainischer Seite konnte nicht ausgeschlossen werden. Die Argumentation der Befürworter dieser These: Putin wolle Europa erpressen. Damit wolle er entweder eine Inbetriebnahme von „Nord Stream 2“ – nur einer der beiden Stränge ist beschädigt – erpressen oder „Panik vor dem Winter“ betreiben.

Politik fordert Aufklärung

Bis jetzt haben sich noch keine hochrangigen Vertreter der deutschen Regierungsparteien zu diesem Vorfall geäußert, nur die Opposition ist derweil aktiv. Während der Europaabgeordnete der AfD Maximilian Krah auf Twitter die Haltung der Regierung kritisierte („Deutsche Infrastruktur wird angegriffen und zerstört und die deutsche Regierung plus CDU/CDU hält zu den Angreifern“), wies der sächsische AfD-Politiker Thomas Thumm auf die schon angesprochene Sikorski-Verbindung hin. Am Mittwochmorgen äußerte sich auch die AfD-Sprecherin Alice Weidel.

Staatliche Verantwortung wahrscheinlich

Der Vorfall ereignete sich zwar offiziell in internationalen Gewässern. Allerdings befindet sich der Explosionsort noch innerhalb der Ausschließlichen Wirtschaftszonen Dänemarks und Schwedens, was gleichwohl als Angriff auf ein NATO-Land gedeutet werden würde. Dies würde Putins bisheriger Vorgehensweise zuwiderlaufen. Insgesamt verläuft die Pipeline auf 147 Kilometern auf dem dänischen Kontinentalsockel, dazu war eine gesonderte Genehmigung Dänemarks vonnöten.

Die wechselseitigen Schuldzuweisungen könnten noch eine Weile weitergehen. Gewiss ist bislang einzig eines: Wegen der professionellen und nahezu simultanen Explosion gehen praktisch alle Experten von einer staatlichen Planung für den Anschlag aus. Dänische Seismographen nahmen dabei eine deutliche Erschütterung wahr – Stärke 2,2 auf der Richterskala. Für eine derart große Beschädigung etwa 70 Meter unter dem Meer sind Detonationen mit enormer Sprengkraft vonnöten – und die Anbringung mithilfe von Marinetauchern oder U-Booten.

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