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Meinung

Nein, Herr Engels, die Reparationen sind falsch!

Julian Schernthaner

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Manchmal reicht ein fragwürdiger Text, damit ein rechtsintellektueller Vordenker sein eigenes Denkmal beschädigt. Was für Weißmann sein infamer „Ärmel Hoch“-Text war, droht bei Engels ein Plädoyer zu werden, dass Deutschland den polnischen Nachbarn demütig Steuergeld in Billionenhöhe in den Rachen werfen soll, um einem historisch wie strategisch völlig verqueren Revanchismus Tribut zu zollen.

Alle Jahre wieder fordert Polen zum Jahrestag des Kriegsbeginns utopisch hohe Summen, welche ihm Deutschland angeblich aufgrund von Kriegsschäden schulden würde. Man gewinnt manchmal den Eindruck, das offizielle Polen will gar keine 1,3 Billionen Euro, sondern es wäre einfach eine Art nationales Ritual. Vielleicht „muss“ es die konservative polnische Führung also sogar tun, um glaubwürdig zu bleiben.

Blut, Oder, Neiße-Wasser?

Denn polnischer Patriotismus baut auf dem ewigen Behauptungskampf gegen die großen deutschen & russischen Nachbarn auf. Es entstand eine Art nationalistischer „Opferkult“ in einem Ausmaß, der aus objektiv historischer Sicht bestenfalls noch den Armeniern zustehen würde. Für westliche Konservative ist das alles eine bittersüße Sache. Denn Menschen, die auf ihre Kultur stolz sind, Flagge zeigen und die traditionelle Familie achten, sind eigentlich dem Herzen nahe. Sie und ihre Anliegen stecken an.

Auch vor diesem Hintergrund will ich dem von mir sehr geschätzten Herrn Engels mit Sicherheit keinerlei bösartige Absicht unterstellen. Dessen Bekenntnis zu einem selbstbewussten, konservativ-patriotischen Europa ist bekannt. Nur fragt man sich: Was muss geschehen, dass ein mutmaßlicher Deutschbelgier mit polnischer Professur eine Forderung loslässt, die jedes Sprichwort über die Dicke von Blut und Wasser alt aussehen lässt?

Abenteuerliche Vergleiche

Engels‘ Argumentation hinkt gewaltig: Er ergreift Partei für polnische Reparationsforderungen, indem er darauf verweist, dass Deutschland die Nachfahren jüdischer Opfer entschädigte und sogar unverschämt hohe Summen nach Namibia überwies. Polen billigt er ein moralisches Recht zu, eigene Verzichtserklärungen von 1953 und 1970 zu überdenken. Die deutsche Zögerlichkeit, dem Nachbarland Billionen zu schenken, begründet er mit der Abneigung gegen dessen konservative Regierung.

Es fängt dort nicht an und hört dort nicht auf: Er versteigt sich, die territoriale Veränderung zwischen Polen, Deutschland und der Sowjetunion im letzten Jahrhundert mit der Annexion des Elsass und Lothringens nach dem deutsch-französischen Krieg zu vergleichen. Dass Bismarck und der neu ausgerufene Kaiser – anders als Polen nach dem Weltkrieg – nicht dazu übergingen, die ohnehin deutschsprachige Mehrheitsbevölkerung zu vertreiben und ihnen künftig den Grunderwerb zu verbieten, lässt er geflissentlich aus.

Revanchistische Raffgier

So oder so: Die polnische Reparationsforderung ist opportunistisch. Klar: Deutschland, das einstige Land der Dichter und Denker, neigt seit Jahrzehnten zur Selbstkasteiung. Es betreibt einen Schuldkult, dass man glaubt, Canossa sei seine Hauptstadt. Da kann man es ja mal probieren. Sie ist zudem aber auch utopisch: Bei der Teuerung und drohenden Abwicklung der Wirtschaft würde sich nicht einmal die „Ampel“ über einen dermaßen kolossalen Offenbarungseid à la „Nie wieder Deutschland“ drüber trauen.

Irgendwie wirft Engels auch noch die größere polnische als deutsche Bereitschaft, schwere Waffen in die Ukraine zu liefern, ins Gemenge. Dabei kritisieren im dritten Lager sogar Personen, die eigentlich auf Seiten der Ukrainer stehen, die vom transatlantischen Bündnis angeleierte Verfrachtung deutscher Wehrfähigkeit an Dnjepr & Donez. Glaubt Engels den Schmu des Werte-Westens oder spricht der Geist des Brüsseler Bürgertums aus ihm? Jedenfalls kann seine charakteristische Eloquenz nicht darüber hinweg täuschen: Die Reparationen bleiben eine raffgierig anmutende Forderung seitens Polens.

Auge um Auge, Zahn um Zahn?

Auch rein historisch ist seine Darstellung ein grob vereinfachtes Bild. Niemand glaubt, die deutsche Wehrmacht habe Polen 18 Tage lang mit Rosen beschossen, um dann sechs Jahre Milch und Honig fließen zu lassen. Aber auch die Vorstellung, ein ganzes Volk habe aus heiterem Himmel wie mörderische Horden gewütet, noch jedes Holzkreuz geschändet, um seine Bruchstücke sadistisch einem alten masurischen Hausmütterchen ins Herz zu rammen, geht an der Realität vorbei.

Es passierte viel Unheil, und das relativiert keiner. Aber man sollte daraus keine Glaubensfrage machen: Die Aufrechnung ist sinnlos. Ich habe freilich versucht, sie inhaltlich zu verstehen. Hier eine Reparation für beschlagnahmte Kohlegruben im mehrheitlich von Deutschen besiedelten Oberschlesien. Dort ein Groschen für die Verschleppung polnischer Arbeiter ins Deutsche Reich und die Gefangennahme hunderttausender Polen nach dem Feldzug.

Auch patriotische Deutsche müssen anerkennen, dass viele Länder die einstige Besatzung als Raubzug am Land, Volk und Seele betrachten. Das Leben mit den Höhen und Tiefen der eigenen Vergangenheit gehört dazu. Doch wie genau würde man die Summe eigentlich berechnen? Im Fall des lange den Deutschen zugerechneten Massakers von Katyn gab die Sowjetunion erst nach Jahrzehnten ihre Verantwortung zu. Es dürfte kein Einzelfall sein, manche Forderung wäre ohne jedes Faktensubstrat.

Der Blutzoll ist längst bezahlt

Auch ist kein historisches Ereignis eine Insel, auch Kriege haben ihre Vorgeschichte. Deutsche Diplomaten reisten im August 1939 nach Großbritannien, flehten förmlich darum, der Verfolgung Volksdeutscher in den 1919 an Polen verlorenen Gebiete Einhalt gebieten zu dürfen. Nur Tage nach Kriegsbeginn folgte der Bromberger Blutsonntag, als Polen tausende Deutsche niedermetzeln ließ. Und nach dem Krieg vertrieb es Millionen von Höfen, die ihre Familien seit Jahrhunderten bewirtschafteten.

Der „Blutzoll“ ist längst bezahlt. Und deutsche Patrioten sind weitgehend darüber hinweg, das Leid der Vergangenheit aufzurechnen. Kann ich den wechselseitigen Schmerz verstehen? Als Tiroler kann ich ihn sogar nachfühlen: Weit über Mussolini hinweg wurde Unheil über meine Brüder südlich des Brenner gebracht. Einige von ihnen optierten übrigens in den Warthegau und verloren im Zuge der polnischen Westverlegung das zweite Mal ihre Heimat. Ohne, dass sie dafür jemals entschädigt wurden.

Patrioten gegen Globalisten

Nach Engels‘ Modell könnte ich, noch rasch vor der dortigen patriotischen Wende, dem italienischen Staat die Blutspur in Rechnung stellen, die von Franz Innerhofer über Josef Noldin bis zu Luis Amplatz, Anton Gostner und Sepp Kerschbaumer reicht. Und gewiss vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht an die leidvolle Erfahrung denke. Manchmal wird man beim Bier sogar nostalgisch und keift pathetisch nach Buße. Solches Sentiment mag einen halt überkommen. Einzig: Zielführend ist es nicht.

Engels spricht selber in seinem Stück davon, dass „alle zusammen stehen sollten, denen die Identität und Zukunft Europas am Herzen liegt“. In einer Twitter-Diskussion erinnert er dann noch daran, dass sich die freien Völker gegen die Globalisten vereinen sollten. Verdammt noch einmal: Ja, unbedingt! Mit diesen Parolen rennt er bei mir und vielen Gleichgesinnten offene Türen ein: Die große Streitfrage ist nicht Patrioten gegen Patrioten, sondern Patrioten gegen Globalisten.

Keine Versöhnung durch Demütigung

Wie die Aufrechnung der Vergangenheit dies erreichen soll, bleibt allerdings schleierhaft. Wenn sich Europa mit dem Nebenschauplatz von Reparationen beschäftigt, entsteht genau diese Einigkeit nicht. Es trägt nicht zur „Versöhnung“ bei, sondern führt bestenfalls zur Demütigung zahlreicher Länder. Schon im vergangenen Jahrhundert führte die Schmach eines Diktatfriedens mit exorbitanten Reparationszahlungen letztlich genau in jenen Bruderkrieg, der Europa nachhaltig auseinander riss.

Als Historiker sollte Engels das eigentlich wissen und entsprechend einordnen können. Doch leider ist das Positivste, das man über Engels‘ Artikel sagen kann, dass es jedem verdienstvollen Menschen zugestanden sein muss, einmal argumentativ kolossal ins Klo zu greifen. Aber sinnvolle Leitlinie ist es keine, manchmal empfiehlt sich die Umkehr. Es bleibt jedenfalls zu hoffen, dass Engels weiter an seinen erfrischenden Gedankengängen und Schriften gemessen werden darf statt an der völlig jenseitigen Idee, das Steuergeld deutscher Bürger für deren weitere nationale Demütigung zu opfern.

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