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Kultur

„Was wir lieben mussten“: Psychogramm des rechten Boomers

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Der Historiker Werner Bräuninger hat nach der Überarbeitung von „Hitlers Kontrahenten in der NSDAP“ einen Roman über die Bundesrepublik Deutschland veröffentlicht.

Ein Lesegenuss ist „Was wir lieben mussten“ beim allerbesten Willen nicht. Der Roman des Historikers Werner Bräuninger zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass er über weite Strecken kein Roman, sondern ein politischer Monolog ist. Mit „weite Strecken“ sind hier dutzende Seiten am Stück gemeint.

Der Inhalt dieser Monologe ist eine Beschreibung der deutschen Zustände in dem Stile des rechten Bildungsboomers, welcher aus entsprechenden Facebook-Beiträgen und der Kommentarspalte der Sezession im Netz bekannt ist. Ein durch zufälliges Aufschlagen einer Seite herausgesuchtes Beispiel:

Aber selbst aus den kleineren Städten hörte man immer wieder von gelegten Feuern, mit denen Polizei und Feuerwehren bewusst in Hinterhalte gelockt und dann mit Steinen und Flaschen angegriffen wurden. Demolierte man ganze Innenstädte und plünderte dabei die Geschäfte unter „Allahu Akbar“-Rufen, so verkauften die Medien den Menschen die Täter als ausgelassene „Partypeople“, die ein wenig über die Stränge geschlagen hätten.

Das Vorbild ist eindeutig Jean Raspail. Wo dieser jedoch eine oder zwei solche Passagen im Kapitel hat, bestehen bei Bräuninger ganze Kapitel aus kaum etwas anderem. Dieses Andere sind zum einen eine politische Fiktion, zum anderen die Geschichte des Protagonisten Tobias Fechter.

„Was wir lieben mussten“ – ein simpler roter Faden

Die politische Fiktion ist schnell erzählt: Während Deutschland, von einer Koalition der „Demokratischen Union“ mit den „Bunten“ unter der Ministerpräsidentinnenschaft der „Meduse“ zugrunde geht, bildet sich eine Oppositionspartei, die „Allianz für die Freiheit“ unter der Führung einer „Gräfin zu Castell-Rhoden“. Letztere ist eine Mischung aus Alice Weidel und Beatrix von Storch. Beim AfD-Verschnitt „Allianz für die Freiheit“ ist, wohl aus interner Rücksichtnahme, nicht immer klar, wer gemeint ist, beim politischen Gegner hingegen sind die wirklichen Menschen hinter den Tarnnahmen leicht zu erraten.

Nachdem gewaltsame Mittel zur Behebung des Unheils gescheitert sind, einmal ein Aufstand der radikalisierten Jugendbewegung „Defend Identity“, zum anderen ein Militärputsch, gewinnt die „Allianz für die Freiheit“ immer mehr Zulauf und stürzt schließlich in einer friedlichen Revolution a la 1989 das Regime der Meduse. An die Macht gekommen, führt sie allerhand gute und nützliche Reformen durch. Vor allem anderen ist dies ein friedliches Remigrationsprogramm, entworfen vom bereits erwähnten Tobias Fechter und dessen Freund, dem Ägypter Riad al-Khalid. Letzterer übernimmt mit seiner Organisation „Erwachendes Ägypten“ in seinem Heimatland die Macht und führt dort eine moderne, laizistische und nicht korrupte Regierung ein, welche die Muslime aus Europa zurück in ihre Heimat ruft.

Daneben verläuft die private Geschichte Tobias Fechters. Fechter ist in den 60ern geboren, ledig und kinderlos. Frauen hat er trotzdem noch genug, doch „Sex war alles, was er von ihnen begehrte, mehr nicht“. In reiferem Alter beginnt er noch eine Liebesbeziehung zur Elisa Riemers, die selbst bereits Großmutter ist und erfährt so, nach einigen Irrungen und Windungen, doch noch ein verspätetes Liebesglück.

Das Schwinden der Potenz

Fechter ist deshalb interessant, weil in dieser Figur eine Parallelisierung des deutschen Niederganges mit dem eigenen Altern stattfindet. In Fechter zeigt sich die Erfahrung, welche auf der Rechten die Boomergeneration (und zum Teil auf Gen X) so stark von den Millenials und den Zoomern trennt: Für letztere sind die politischen Grundentscheidungen seit 1945 der Weg in die heutige perspektivlose Situation, in welche sich die jüngeren Generation ohne eigenes Verschulden geworfen sehen. Für erstere gab es eine gute alte Bundesrepublik, in der Zeit ihrer Jugend, in der sie selbst jung waren. Der Verfall der BRD entfaltet sich für Fechter als Analogie zum Schwinden der eigenen Potenz.

Der politische Horizont verbleibt dabei im „Merkel muss weg“. Bezeichnend, dass Bräuninger, in einem 2021 geschrieben Roman, deren Herrschaft bis ins Jahre 2025 fortschreibt, als könne es für ihn keine zerfallende BRD ohne Angela Merkel geben. Die schreckliche Lage ist allein Folge der Herrschaft der Meduse und wird nach deren Abdanken durch eine handvoll Reformen schmerzlos bereinigt. Dieser Unwille, die BRD vor Merkel auf Abwegen zu sehen, koexistiert auf eine ganz merkwürdige Weise mit einer magischen Faszination für den Nationalsozialismus, auf den der Roman starrt, wie das Kaninchen auf die Schlange. Das mag weniger eine Generationenfrage, als ein Persönlichkeitszug Bräuningers sein, der ausgiebig zum Nationalsozialismus geforscht hat und auch das, anders als „Was wir lieben mussten“, sehr lesenswerte Buch „Hitlers Kontrahenten in der NSDAP“ geschrieben hat. Die größte Absonderlichkeit sind hier die zahlreichen, weniger bekannten Hitlerzitate, welche er den Vertretern der „Allianz für die Freiheit“ und vor allem der Gräfin zu Castell-Rhoden in den Mund legt.

Werner Bräuningers Talente liegen jedenfalls deutlich stärker auf der Seite des Historikers, als auf jener des Romanautors. Sein Schreibstil glänzt in beidem, jedoch erzählt er besser wirkliche Geschichte, anstatt sich selbst die Handlung einer Geschichte auszudenken.


Werner Bräuninger: Was wir lieben mussten, Arnshaugk Verlag, gebunden, 243 Seiten

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