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Kultur

100 Jahre Regierung Seipel: „Der Kanzler und die Koalition“

Redaktion

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Der Dritte Nationalratspräsident Norbert Hofer (FPÖ) lud zum Vortragsabend ins Palais Epstein ein. In seinen Eröffnungsworten plädierte Hofer für ein reflektiertes Denken in Nuancen und gegen einen einseitigen „Bekenntniszwang“.

Am 31. Mai 1922 trat Prälat Ignaz Seipel das Amt des Bundeskanzlers an. Geprägt war seine Regierungszeit durch die innen- und außenpolitischen Wirrungen nach dem Ersten Weltkrieg und den Versuch, den neuen österreichischen Staat politisch sowie ökonomisch zu stabilisieren. Anlässlich des hundertjährigen Jubiläums seiner Angelobung lud Nationalratspräsident Norbert Hofer am 24. Mai zum Vortragsabend „Der Kanzler und die Koalition – ‚Autrichelieu‘ und ‚Bürgerblock'“ ins Palais Epstein.

In seinen Eröffnungsworten sprach sich Hofer für ein differenziertes Denken jenseits von „Diskurszwängen“ aus, insbesondere was geschichtliche Betrachtungen betreffe. Der Historiker Lothar Höbelt charakterisierte die Person Ignaz Seipel und erläuterte die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Hintergründe der Zusammenarbeit zwischen Christlichsozialer und Großdeutscher Volkspartei (GDVP) unter dem „Prälaten ohne Milde“, wie Seipel von seinen Gegner tituliert wurde.

Einleitende Worte durch Norbert Hofer (FPÖ). © Parlamentsdirektion / Thomas Topf

Hofer: Demokratischer Geist liegt in Anerkennung der Vielfältigkeit der Menschen

Die Staatskunst, die vielfältigen und divergierenden Interessen der Mitglieder einer Schicksalsgemeinschaft zusammenzuführen und zu etwas Größeren zu formen – so definierte der Dritte Nationalratspräsident Norbert Hofer einleitend seinen Politikbegriff. Die gleichberechtigte Teilhabe aller Mitglieder am politischen Prozess stelle die höchste und modernste Form dieser Kunst dar. Österreich gehöre zu jenen Ländern, die jene Stufe erreicht haben und die nahezu alle eine von Irrungen und Ambivalenzen geprägte Geschichte aufwiesen, so Hofer. Beispielhaft für so eine historische Phase sei die Erste Republik, der man sich heute nur schwer objektiv nähern könne.

Angesichts eines enormen gesellschaftlichen „Bekenntniszwanges“ habe das Denken in Nuancen und Graustufen gegenwärtig keinen guten Stand. Abwägen und Reflektieren würden nicht mehr als Tugenden, sondern als Charakterschwäche gelten und die Weigerung, sich diesen Diskurszwängen unterzuordnen, führe laut Hofer oftmals in die soziale Isolation. Dies bedeute jedoch eine Abkehr vom eigentlichen demokratischen Geist, dem die Anerkennung der Vielfältigkeit der Menschen, ihrer Interessen und der sich daraus ergebenden Komplexitäten zugrunde liege – eine Anerkennung, die auch den besten Schutz vor autoritären Tendenzen jeder Art darstelle. Komplexität und Ambivalenz sei schwer zu durchdringen und verunsichere die Menschen. Sie zu akzeptieren, sei jedoch sowohl für das Zusammenleben als auch für eine tiefgreifende Geschichtsbetrachtung essenziell.

So sei laut Hofer aus dem Boden der Ersten Republik viel Gutes, wie die Basis des heutigen demokratischen Systems, als auch viel Schlechtes, wie totalitäre und antisemitische Tendenzen, erwachsen. Lothar Höbelt sei einer jener Historiker, die sich mit dieser ambivalenten und komplexen Geschichte auseinandersetzen.

Der Historiker Lothar Höbelt bei seinem Vortrag. © Parlamentsdirektion / Thomas Topf

Höbelt über die Figur und den Menschen Ignaz Seipel

Österreich lebe mit und von seiner Vergangenheit, konstatierte Lothar Höbelt. Dies sei es auch, was Österreich als Kulturnation ausmache. Nun scheine die Geschichte jedoch immer mehr auf wenige Phasen verengt, werde durch einen „Schwarz-Weiß-Filter“ betrachtet und lediglich aus der Täter-Opfer-Perspektive beurteilt. Diese unreflektierte Sichtweise teile der gegenwärtige Zeitgeist mit den totalitären Bewegungen des 20. Jahrhunderts, so Höbelt.

Doch gerade eine differenzierte Sicht auf eine komplexe Geschichte und ihre ambivalenten Akteure mache diese erst greifbar und interessant. Man müsse Ignaz Seipel, als dominierende Figur und „Mastermind“ der Ersten Republik auch in all ihrer Widersprüchlichkeit erfassen und dürfe sich nicht auf die „verzerrte Darstellung“ seiner politischen Gegner verlassen, die bis heute das Seipel-Bild präge. So sei er als aktiver Priester zwar ein Kleriker, aber kein Klerikaler gewesen, erklärte Höbelt. Bis zu seinem Tod habe er in einer spartanische Klosterzelle gelebt, sei jeden Morgen um 5.00 Uhr aufgestanden, um die Messe zu feiern und habe politische Unterstützung von Papst Pius XI. erhalten. Doch habe er nicht dem „Standardtypus eines Klerikalen“ entsprochen, wie ihn die Sozialdemokratie darstellte, und mit vielen Priesterkollegen in seiner eigenen Partei durchaus seine Schwierigkeiten gehabt, so Höbelt. Dort habe Seipel als Quereinsteiger gegolten, der jedoch sehr schnell zum Obmann avancierte und die christlichsoziale Partei über zehn Jahre beherrscht habe.  

Zwar stammte er aus diesem Lager, sah sich jedoch nicht an dieses gebunden und war in der Lage, ohne ideologische Scheuklappen „über den Tellerrand hinauszublicken“, wie Höbelt ausführte. Dies habe ihm auch eine pragmatische Herangehensweise und ein politisches Raffinement ermöglicht, welches ihm, in Anspielung auf den großen barocken Priesterpolitiker, den Beinamen „Autrichelieu“ eingebracht habe.

Moderation durch Heimo Lepuschitz. © Parlamentsdirektion / Thomas Topf

Die „Sanierung Österreichs“

Dieses Raffinement habe Seipel sowohl außen- als auch innenpolitisch unter Beweis stellen können. In der kritischen Phase der Zwischenkriegszeit sei das Land vom „Bürgerblock“, der Koalition aus Christlichsozialen und GDVP, getragen worden. Der Problemdruck habe nach einer konzertierten Aktion verlangt, um das Land zu sanieren, wie Höbelt ausführte. Mit einigen außenpolitischen Zugeständnissen habe Seipel die traditionell antiklerikale GDVP zur Zusammenarbeit bewegen können, nachdem mit den Sozialdemokraten keine Einigung erzielt werden konnte. Dabei stellten die Bauern, welche sich laut Höbelt strikt allen sozialistischen Ansätzen verwehrten, Seipels politische Basis dar. Unter anderem durch die Schaffung einer neuen Nationalbank, der Einführung des Schillings, das Lukrieren ausländischer Kredite und der Installierung eines Sparprogrammes, sei es der der Koalition gelungen, die Staatsfinanzen zu sanieren und Österreich für eine längere Phase politisch zu stabilisieren. Lehren aus der Geschichte zu ziehen sei schwierig, erklärte Höbelt. Doch an Seipel lasse sich erkennen, dass ein differenzierter Blick, jenseits einfacher ideologischer Verzerrungen, notwendig sei, um sich der Komplexität historischer Realitäten überhaupt annähern zu können. 

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