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Kultur

Amazon Prime: Tiefe Wasser

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Der neue Thriller „Tiefe Wasser“ bricht mit der üblichen Erzähllogik von Neuerscheinungen auf mehreren Ebenen.

Eine Leserrezension

Nach zwei Jahrzehnten Pause ist Regisseur Adrian Lyne mit dem Erotik-Thriller „Tiefe Wasser“ zurück auf der Leinwand. Davor wurde er bekannt durch Filme wie „Eine verhängnisvolle Affäre“ (1987), „Ein unmoralisches Angebot“ (1993) oder „Untreu“ (2002). Er ist Experte für Beziehungsdramen und versteht es die tiefenpsychologische Ebene zu inspizieren. Die Dreharbeiten für seinen jüngsten Film fanden in New Orleans statt. In den Hauptrollen spielen Ben Affleck, Ana de Armas („Keine Zeit zu sterben“, „Knives Out“) und Jacob Elordi („Euphoria“). Das Budget der Produktion betrug 48,9 Millionen US-Dollar. Eigentlich war der Film für einen Kinostart am 14. Jänner 2022 vorgesehen, dieser wurde jedoch ohne Begründung gestrichen und der Streifen erschien stattdessen am 18. März auf Amazon-Prime.

Der talentierte Mr. Affleck

Die Handlung von „Tiefe Wasser“ basiert auf dem gleichnamigen Roman (1957) von Patricia Highsmith. Wer die Verfilmung ihres bekanntesten Romans „Der talentierte Mr. Ripley“ kennt, weiß bereits, in welche Richtung es geht. Im Vordergrund steht nicht so sehr die Frage nach dem Wer, sondern nach dem Warum. Highsmith interessiert sich mehr für das Innenleben ihrer Protagonisten, weniger für moralische Aspekte. So viel sei verraten: Es kann schon mal passieren, dass das Böse über das Gute siegt. Die Hauptfigur Vic Van Allen (Ben Affleck) hat mit der Entwicklung eines Computerchips, der bei Kriegsdrohnen verbaut wird, das große Geld gemacht. Er lebt mit seiner Frau Melinda (Ana de Armas) und ihrer gemeinsamen Tochter in einer geschmackvoll eingerichteten Kleinstadtvilla. Seinen frühzeitigen Ruhestand verbringt er mit Gravel-Bike-Fahren, Schneckenzüchten in der Garage und der Herausgabe eines Lyrikmagazins. Außerdem kümmert er sich liebevoll um seine kleine Tochter. Die Handlung spielt meist auf schicken Partys im bürgerlichen Freundeskreis der Van Allens. Die kultivierte Idylle wird jedoch dadurch getrübt, dass Melinda eine notorische Fremdgeherin ist. Dies stellt sie auch offen zur Schau. Von seinen besorgten Freunden darauf angesprochen, gibt sich Vic gelassen und unbeeindruckt. Die Geschichte nimmt allerdings Fahrt auf, als Vic einem Liebhaber seiner Frau erzählt, er habe einen ihrer früheren Freunde ermordet.

Positives Männerbild trotz Mordverdacht

Anfangs hat man als Zuseher Mitleid mit Vic. Trotz seiner misslichen Lage als gehörnter Ehemann, fällt er jedoch nicht in eine Position der Schwäche. Er ist nicht offen eifersüchtig, beleidigt oder auf Rache aus. Im Gegenteil, er behandelt seine Frau gut, selbst wenn sie erst am frühen Morgen betrunken nach Hause kommt. Auch bei den peinlichen Begegnungen mit den Liebhabern bleibt er cool und wirkt überlegen. Man hat nicht das Gefühl, dass Ehe und Familienleben als solches dekonstruiert werden. Die anderen Ehepaare im Freundeskreis wirken glücklich. Melinda sagt an einer Stelle zu Vic: „Ich bin dasjenige, wofür du getötet hast.“ Würde sie einen tugendhafteren Lebensweg einschlagen, könnte sie mit Vic glücklich in den Sonnenuntergang fahren. Seitdem die möglichen Gewaltexzesse im Raum stehen, ist seine Männlichkeit gerettet und er schlagartig wieder interessant für sie. Vielleicht ist er auch der einzige Mann, der es mit ihr aushält.

Moralisch unverkrampft

Garniert wird das Ganze mit schwarzem Humor. So rutscht bei einer Rettungsaktion aus dem Swimmingpool, schon einmal das glitschige Opfer aus den Händen und knallt mit dem Kopf auf den Beton. Oder als Vic von einer Art Gutmensch-Charakter, Lionel (Tracy Letts), darauf angesprochen wird, dass seine Computerchip-Erfindung moralisch in einer Grauzone liegt, weil die Drohnen auch dazu verwendet werden unschuldige Menschen zu töten, antwortet Vic: „Oder man verwendet sie dafür hungernde Kinder zu finden und wirft Nahrungsmittel bei ihnen ab“. Lionel (erwidernd): „Ja, (Kunstpause), machen die aber nicht“. Vic (entspannt): „Nein, machen die nicht“. Ein Freund (Vic beispringend und die Situation rettend): „Also die Moral von der Geschichte ist, Vic ist ein verdammtes Genie und er hat Geld wie Heu“. Der kritische Lionel ist mit Melinda zusammen, der Einzige, der Vic wegen der Mordgerüchte misstraut. Mit der Zeit stellt sich aber heraus, dass selbst er nur Interesse an dem Fall hat, weil er als Autor Stoff für einen Bestseller wittert.

Fazit

Ben Affeck, Ana de Armas und die Schauspieler der Liebhaber liefern eine überzeugende Performance ab. Der Film ist ästhetisch ansprechend und bricht mit der üblichen Erzähllogik eines Individuums, welches sich von familiären oder gesellschaftlichen Zwängen emanzipieren und selbst verwirklichen möchte. Hier hat man den Eindruck, es muss sich ein Individuum zur treuen Ehefrau entwickeln, um Tote zu vermeiden. Wer auch gelangweilt vom gängigen Emanzipations-Plot, der Familien-Dekonstruktion und dem Männer-Bashing ist, der findet mit „Tiefe Wasser“ eine erfrischende Abwechslung.

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