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Kultur

Reise durch Albanien (Teil 2): Ein Blick auf die kommunistische Geschichte

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Im zweiten Teil des Reiseberichts geht es über Berat, der „Stadt der tausend Fenster“, nach Gjirokastra, der „Stadt der Steine“. Die Reise ist auch ein Blick in die kommunistische Vergangenheit Albaniens.

Von Fierza geht es nach den drei Stunden Fahrt auf der Fähre nach einem Zwischenstopp über die größte Hafenstadt Albaniens, Durres, in der sich das größte Amphietheater des Balkans befindet, weiter in den Süden. Auf dem Weg nach Gjirokastra befindet sich Berat, die „Stadt der tausend Fenster“. Über der Stadt thront, wie in so vielen Städten dieser kriegerischen Region, eine alte Festung. Ihren Beinamen als „Stadt der tausend Fenster“ verdankt sie dem Blick von der Festung auf das ehemals osmanische Viertel Mangalem. Die weißen Häuser des Stadtteils ziehen sich steil am Felsen empor und geben mit ihren großen Fenstern, die alle in die selbe Richtung ausgerichtet sind, der Stadt ihren Beinamen. Genauso wie Gjirokastra ist die Stadt Teil des Unesco Weltkulturerbes.

Berat: die „Stadt der tausend Fenster“

„ENVER“

Sechs Kilometer entfernt von der Stadt prangt auf dem Shpirag ein riesiger Schriftzug. Im Jahr 1968 bauten Kommunisten zu Ehren des Diktators Enver Hoxha aus rund 100 Meter hohen Buchstaben den Schriftzug „ENVER“ in die Flanke des Berges, nach dem Ende der kommunistischen Diktatur versuchte die Armee vergeblich ihn mit Napalm zu entfernen. Mittlerweile wurde er erfolgreich durch den Tausch der ersten beiden Buchstaben in „NEVER“ (Englisch: Niemals) umgetauscht.

Der gigantische Schriftzug ist dabei nicht das einzige Hinterbleibsel der 45 Jahre Kommunismus. Hunderttausende (über die genaue Zahl gibt es unterschiedliche Angaben, von 200.000 bis 700.000 Stück) Bunker durchziehen die Landschaft und Städte wie kleine Betonpilze. Sie sind eine Folge der Isolation Albaniens während des Kommunismus und der Paranoia Hoxhas. Die Partei der Arbeit, wie der offizielle Name der kommunistischen Partei ab 1948 lautete, hatte zuerst mit Hilfe Titos am Ende des Zweiten Weltkriegs die Macht in Albanien übernommen, sich jedoch mit Jugoslawien schnell wieder zerstritten und eng an Stalin ausgerichtet. Gleich zwei Statuen des sowjetischen Diktators standen auf dem heutigen Skanderbegplatz und zu seinem Tod versammelten sich tausende Kommunisten kniend vor seinen Abbildern.

Aus „ENVER“ wurde „NEVER“: Wolfgang Sauber, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Mit dem Beginn der Chruschtschowschen Ära und deren Kritik am Stalinismus sowie der Annäherung der Sowjetunion an Jugoslawien trennte man sich aber von der „revisionistischen“ Sowjetunion und richtete sich an China aus, von dem man sich 1978 ebenfalls wieder loslöste, da man nun auch die Volksrepublik China für „antimarxistisch“ und „revisionistisch“ befand.

Was folgte, waren 22 weitere Jahre der vollständigen Isolierung in einem betont Neostalinistischen, unterdrückerischen Regime, welches das ganze Land hermetisch von der Außenwelt abriegelte. Nur zu einigen ausländischen Splittergruppen, wie der deutschen KPD/ML, hielt man zwecks dem Aufbau einer eigenen, albanisch dominierten Internationalen Kontakt. Dabei verband man den stalinistischen Gesellschaftsaufbau auch mit einer gewissen Form von Nationalismus und einem extremen Personenkult für Hoxa, dessen marxistische Überzeugungen ihn nicht davon abhielten, Arbeitern den Zugang zu diversen Gebäuden im Tiraner Viertel der Parteiführung zu verbieten.

Während sich das Land in Armut befand und die nach stalinistischem Vorbild durchgeführte Industrialisierung nur bedingt funktionierte, ließ sich Hoxa bereits zu Lebzeiten von seiner Tochter eine große Betonpyramide als Musoleum im Herzen Tiranas bauen, die sich derzeit im Umbau befindet. Zu einer Nutzung für den vorgesehenen Zweck kam es nie, Hoxha wurde zuerst auf dem „Friedhof der Kriegshelden“ in Tirana begraben, nach dem Ende der Diktatur wurde er jedoch wieder umgebettet. Regimegegner, Klassenfeinde und solche, die die Partei der Arbeit zu solchen erklärte, wurden von der Sigurimi (Albanisch für „Sicherheit“), der Geheimpolizei des Regimes, erbarmungslos verfolgt.

Zwischenzeitlich verfügte das Land über mehr Gefängnisse für politische Gegner als für Kriminelle, dazu kamen Arbeitslager und die Verbannung in entlegene Dörfer. Getreu seinem Vorbild Stalin ließ Hoxa auch diverse ehemalige Weggefährten und Freunde von der Sigurimi beseitigen, insgesamt sollen 33 Prozent der Albaner den willkürlichen politischen Verfolgungen des bis zum Ende der Diktatur stetig wachsenden Repressionsapparats ausgesetzt gewesen sein. Über die Verfolgungen berichtet heute das Museum „Haus der Blätter“ in Tirana in einem ehemals von der Sigurimi genutzten Gebäude. Dennoch hatte der Kommunismus Albanien auch einzelne Fortschritte gebracht, so etwa die Alphabetisierung der Bevölkerung. Nach 1990 benannte sich die Partei der Arbeit in die Sozialistische Partei um und ein Teil der Partei spaltete sich ab, um die Demokratische Partei zu gründen. Bis heute ist die politische Landschaft von diesen beiden Parteien und damit von den alten kommunistischen Kadern dominiert, eine wirkliche Aufarbeitung der Verbrechen samt Bestrafung der Täter geschah nie.

Gijrokastra

Geboren ist Hoxha in Gjirokastra, der „Stadt der Steine“ und der wohl malerischsten Stadt des Landes. Enge Gassen, alte, steinerne Häuser und eine fast schon abgelegene Ruhe machen Gjirokastra zu einem der beliebtesten Touristenziele Albaniens. Auch hier findet sich, wie so oft, eine Festung wieder, von deren gewaltigen Mauern man die Stadt übersehen kann. In ihr wurde nicht nur Hoxha, sondern auch Ismail Kadare geboren. Kadare, selbst Mitglied der kommunistischen Partei, gilt als Nationalschriftsteller Albaniens und zahlreiche seiner Romane wurden in verschiedene Sprachen, darunter auch ins Deutsche, übersetzt. Viele seiner Romane behandeln die albanische Geschichte und Kultur. Die Thematik der Blutrache findet sich in „Der zerrissene April“ wieder, die Geschichte Skanderbegs in „Die Festung“ und seiner Heimatstadt setzte er mit „Chronik in Stein“ ein Denkmal. Die Brüche mit der Sowjetunion und der Volksrepublik China sind wiederum in „Der große Winter“ und „Das Konzert am Ende des großen Winters“ behandelt.

Die „Stadt der Steine“.

Sowohl in Albanien als auch im Ausland ist Kadare dennoch wegen seiner bis zum Ende der Diktatur bestehenden Nähe zum Regime umstritten, wobei die Vorwürfe sogar bis zur Betitelung als „Hoxha-Kadare-Diktatur“ gehen. Dabei hatte er, u. a. in „Palast der Träume“, auch versteckte Kritik an dem totalitären Regime geäußert. Eine abschließende Bewertung fand bis heute nicht statt, unabhängig davon bieten seine schriftstellerischen Werke jedenfalls einen weiteren Einblick in die albanische Geschichte und nicht umsonst sind ihm sogar in kommerziellen Reiseführern eigene Kapitel gewidmet.

HIER lesen Sie den ersten Teil des Reiseberichts.

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