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Meinung

Journalistenpreise: Wenn sich Medienmacher gegenseitig beweihräuchern…

Julian Schernthaner

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Wie jedes Jahr schließt auch das Krisenjahr 2021 mit der wichtigsten Ehrung des Jahres, ohne welche die Republik allem Anschein nach nicht mehr stünde: Die Auszeichnung zum „Journalist des Jahres“. Daran ist vieles für Otto Normalbürger befremdlich: Von der Auswahl der Preisträger über das generelle Sittenbild. Denn es gibt kaum eine Berufsfeld, in dem eine solche Vielzahl an entbehrlichen Preisen auftaucht, wie in der Medienbranche.

Nicht einmal Spitzensportler und Heeresgeneräle können so viele Auszeichnungen vorweisen wie so mancher Journalist. Ein Fixpunkt im Kalender ist der „Journalist des Jahres“, der seit 2004 vom im März in „Österreichs Journalist:in“ umbenannten Fachmagazin verliehen wird. Basis dafür ist eine Umfrage unter den Lesern. Es ist also ein Beliebtheitswettbewerb innerhalb der etablierten Medienclique. So verwundert es kaum, dass einige Vertreter der Zunft ein regelrechtes Abo auf den Pokal zu haben scheinen – und dass nur Angehörige bestimmter Medien eine echte Chance auf die Preise haben.

Erklärbär Klenk als Lieblingsjournalist der Medien-Gang

Die tatsächliche Qualität der Arbeit steht nicht zwingend im Vordergrund, auch üble Pannen verhindern die Vergabe nicht. Den Hauptpreis bekam zum dritten Mal Florian Klenk, obwohl das Verhalten des Falter-Chefredakteurs auch für Misstöne sorgte. Etwa wegen kolportierter Nähe zur Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft und zur „Causa Chorherr“. Unlängst twitterte er darüber, dass er sich aus Angst vor Maskenlosen im Zugklo einsperrte.

Der Kür der „kontinuierlichen Spitzenleistung als investigativer Journalist, als Blattmacher und als Social-Media-Kommunikator“ tat das keinen Abbruch. Er ist zudem Chefredakteur des Jahres. Diese Ehre erbt er von Corinna Milborn (Puls4), deren Sender erst am Mittwoch eine üble Hetzdoku über das maßnahmenkritische Lager sendete. Dabei durften sich Antifa-Aktivisten als „Experten“ aufspielen. Eine detailliertere Analyse aus meiner Feder zu diesem Propaganda-Machwerk lesen Sie hier.

Haltung & Vernetzung wichtiger als fachliche Leistung?

Über den Preis für die „Investigativjournalistin des Jahres“ darf sich Anna Thalhammer (Die Presse) freuen. Die gebürtige Oberösterreicherin, deren Entscheidung, ihrer zweijährige Tochter gegen Corona impfen zu lassen, für ein Twitter-Shitstorm sorgte, ist erstmals prämiert. Ob das inhaltlich angebracht ist, darüber lässt sich streiten. So behauptete sie im Februar nach der Razzia bei Ex-Finanzminister Gernot Blümel (ÖVP) felsenfest, der Name „Kurz“ im Kalender des Novomatic-Chefs beträfe dessen Schwiegertochter und nicht den Altkanzler.

Wirklich glaubwürdig klingt das nicht – es unkritisch auf Papier zu bringen, reicht aber allemal für den wichtigsten Journalistenpreis in der Republik. Dass man es womöglich mit der tatsächlichen Qualität nicht so genau nimmt, zeigt sich auch darin, dass die „Presse“-Chefetage ebenso abräumt: Herwig Langanger und Rainer Nowak sind „Medienmanager des Jahres“. Diese Prämierung ereilt die Beiden nur zwei Monate, nachdem Nowaks Name in der Inseraten-Affäre auftauchte, die zur Abdankung von Sebastian Kurz führte. Das hinterlässt einen bitteren Beigeschmack.

Am Küniglberg werden die Preise gehortet

Doch es wäre nicht Österreich, wenn nicht der ORF als mächtigstes Medium des Landes auch den größten Überhang hätte. Die prestigeträchtigen Preise für Innenpolitik und Außenpolitiker heimsten Mitarbeiter des mit Zwangsgebühren finanzierten Staatsfunks ein. In ersterer Rubrik kamen alle zehn Erstgereihten vom Küniglberg-Sender, in zweiterer immerhin sieben von zehn. Auch Kultur, Sport, Wirtschaft und Wissenschaft gingen an ORF-Journalisten, ditto die Kategorie „Aufgefallen“. Dazu gesellen sich noch einmal zwei Falter-Journalisten und ein weiterer Presse-Journalist.

Die vermutlich skurrilste Preis wandert indes an die „freie Journalistin“ Ingrid Brodnig – sie soll die beste Medienjournalistin des Landes sein. Ihr Portfolio reicht in der Regel von Böse bis Böse: Ihre Welt reicht von Bedrohungen durch „Rechtsextreme“ über Bedrohungen durch „Coronaleugner“ bis hin zu Bedrohungen durch „Verschwörungstheorien“. Zwischendurch schreibt sie dann einmal schnell ein Buch über „Hass im Netz“ – oder fordert die Zensur kritischer Meinungen. Ohnehin ist sie der Meinung, dass nicht alle Ansichten in den Medien Gehör finden sollten. Ob diese Einstellung wohl preiswürdig ist?

Schreiben für verzweifelte Anerkennung

Und alle freuen sich über ihre Auszeichnung, als wäre es eine Bestätigung ihres Lebenswerks. In Wirklichkeit sind solche Preise aber nur ein ständiges Schulterklopfen und Beweihräuchern innerhalb einer kleinen Kaste, die sich für die Hüter der öffentlichen Meinung halten. Und sie sind Dutzendware: natürlich vergeben etwa auch die mannigfaltigen großen Journalistenclubs eigene Preise. Sogar die Journalistengewerkschaft hat eine hochdotierte Auszeichnung. Ein Portal listet im deutschsprachigen Raum hunderte solcher Auszeichnungen: Die meisten davon unbedeutend, aber wohlklingend.

Und in den meisten Fällen schanzen sich die Akteure ihre unzähligen Preise gegenseitig zu. Manch einer kokettiert wahrscheinlich lange vor solchen Krönungen damit, wie rührselig ein Artikel ausfallen soll, den man einreichen will. Das Resultat dieses ständigen Heischens nach Bestätigung unter seinesgleichen gipfelte einst im Relotius-Skandal. Auch einige seiner nachweislich erfundenen Reportagen wurden mit Journalistenpreisen überhäuft. Und so lässt diese gefährliche Freude über die Würdigung auch tief blicken. Sie haben sich von den Sorgen der Menschen entfremdet und leben vor allem von der Lobhudelei in der eigenen Blase.

Bestätigung durch das Volk ist besserer Gradmesser

Natürlich ist es schön, wenn die eigene Leistung auch Anerkennung erfährt. Aber sollte das Ziel ehrlichen Journalismus nicht die Aufklärung der mündigen Bürger sein und nicht die tugendhafte Selbstbestätigung in der Branche? Wer weiß, ob ich mich aus dem Fenster lehne – vielleicht gibt es irgendwann auch einen „Journalistenpreis der Freien Medien“, bei dem tatsächlich ehrlich gute und aufopferungsvolle Medienarbeit und Gegenöffentlichkeit honoriert wird. Eine Notwendigkeit ist solches Herumgereiche und Gebauchpinsle aber nicht. Denn Journalisten patriotischer und anderer freier Medien kommen ohne pompöse Preisverleihungen aus: Wir wissen, dass unsere Arbeit wichtig ist.

Unser Antrieb richtet sich nämlich nicht daran, anderen gefallen zu wollen. Wir sind vielmehr den Lesern, der Wahrheit und dem eigenen Gewissen verpflichtet. Wir beziehen unsere Kraft nicht aus der Hoffnung, im kommenden Dezember irgendeinen Preis abzustauben, sondern aus dem Idealismus und dem Wissen, wir schließen die Lücken in der herkömmlichen Berichterstattung. Und wenn ich ehrlich bin: Mir ist es lieber, keinen Preis in der Vitrine stehen zu haben und beim Gespräch die Dankbarkeit normaler Bürger zu spüren, dass wir „die Wahrheit schreiben“ als Orden und Urkunden zu besehen, dafür aber vom Volk ständig für die Unterordnung unter die mit Inseratengeldern schmackhaft gemacht Regierungspropaganda von „Lügenpresse!“-Rufen begrüßt zu werden.

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