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Kultur

Nena, Proll & Co: Wenn Künstler den Aufstand gegen das System üben

Julian Schernthaner

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Am Wochenende geriet die Pop-Ikone Gabriele Susanne Kerner, besser bekannt als Nena, in den Fokus der Öffentlichkeit. Mit erfrischender Klarheit rechnete sie mit der Zweiklassen-Gesellschaft und mit den Absurditäten der Corona-Politik ab. Und sie zeigte salopp einen wachsenden Unmut über die politische Losung, sich Ungerechtes bieten zu lassen. Die „lästigen“ Kulturschaffenden werden immer zahlreicher – und das ist gut so.

Sie hat die Schnauze voll, ruft sie in die Menge. Man hatte Nena gedroht, ihr den Saft abzudrehen, ihr Konzert abzubrechen, wenn sie ihre Fans nicht in die vom Veranstalter vorgesehenen Plexiglas-Boxen zurück kommandiert. Das will sie zurecht nicht tun: „Schaltet den Strom aus oder holt mich mit der Polizei da runter!“ Und die zentrale Aussage: „Die Frage ist nicht was wir dürfen, die Frage ist was wir mit uns machen lassen!“ Nach Monaten der von oben erlassenen Hörigkeit eine richtige und wichtige Ansage in Richtung jener, die sich mittlerweile im totalitären Gestus gefallen.

Nena hält den Etablierten deren Heuchelei ins Gesicht

Bereits vor Monaten stellte Nena klar: Zweiklassengesellschaft ist mit ihr nicht zu machen. Sie werde keinen Unterschied nach Impf-Status bei ihren Konzerten machen. Diese Ansicht – jeder sei willkommen – wiederholt sie auch in Berlin. Und sie entlarvt die Heuchlerei der Obrigkeitshörigen, indem sie auf deren zweierlei Maß hinweist: „Gestern war Christopher Street Day, und es war völlig okay, dass 80.000 Leute eng aneinander auf der Straße waren.“ Es scheint in Deutschland tatsächlich so, als gölten die Grund- und Freiheitsrechte nur mehr für jene, die dem Zeitgeist entsprechen.

So widerständig der Auftritt Nenas war, so gehässig war das mediale Echo darauf. Man zeichnete das Zerrbild einer Verrückten, die völlig eskalierte und ausrastete. Einer, die quasi vom Olymp gefallen sei und nun schmuddeligen „Querdenkern“ das Wort reden würde. Vom Liebling der Presse zu Everybody’s Arschloch in drei Mal Regierungskritik. Jene, die sich sonst immer freuen, wenn Künstler „ein Zeichen setzen“, sind die lautesten in der Verdammung. Und vielleicht ist der Beißreflex noch schlimmer, weil es niemand ist, der von außen in die Kulturszene drängte, sondern jemand, der ausschert. Den Konsens bricht.

Scherbengerichte verlieren zusehends ihre Wirkung

Für solche Erscheinungen hat der linksliberale, aber gleichzeitig regierungshörige Mainstream nichts übrig. Von Xavier Naidoos Migrationskritik über Michael Wendlers Kritik an den Maßnahmen im Herbst: Wer nicht das Lied von Multikulti oder Pandemie sang, erhielt sein persönliches Scherbengericht, ja seine öffentliche damnatio memoriae. Eine gewisse Zeitlang funktionierte das auch blendend: Die Geächteten fanden nicht mehr statt. Und sie probierten es wieder, als sich über 50 Schauspieler in den #allesdichtmachen-Videos satirisch mit den Maßnahmen und ihren Folgen auseinandersetzten.

Insbesondere auf Jan-Josef Liefers schoß man sich ein: Bislang ein Held, weil er gegen die DDR aufstand – nun ein Ächtungsversuch, weil er gegen das Corona-Diktat der Ära Merkel argumentierte. Aber er blieb „too big to fail“: Eine Tatort-Folge, in der er mitspielte, erreichte am darauffolgenden Wochenende sogar rekordverdächtige 14 Mio. Zuseher. Ähnlich „unkaputtbar“ in der öffentlichen Geltung ist übrigens auch Nina Proll, die ebenfalls an den Videos teilnahm. Den Gegenwind war sie schon als Gegenstimme zum #MeToo-Hype gewohnt.

„Vorstadtweib“ als Wortführerin der Unangepassten

Seit Monaten legt sie bei ihrer Kritik immer noch eins drauf – und die Etablierten können gar nicht so stark mit dem Mund schäumen, als dass man dem Publikum die Begeisterung über das „Vorstadtweib“ als Stimme des Volkes nehmen kann. Maßnahmenkritische Lieder, Warnungen vor dem Abbau der Grund- und Freiheitsrechte durch die Politik, offene Präsentation mit widerständiger Morde: Es gibt kaum eine Woche, in der Proll nicht positiv verblüffte. Als sie dann unlängst im deutschen TV sogar sagte, dass die FPÖ als einzige Partei noch die Grundrechte verteidigte, war das Maß voll.

Plötzlich sprach ihr die mediale Öffentlichkeit die bisherige „Narrenfreiheit“ ab. Einzig: Das Gegacker der Dauerempörten prallte ab wie jeder vorherige Versuch. Und so konnte sie auch völlig ohne Probleme dazu aufrufen, zur Teilnahme an einer Demonstration für Kinderrechte und gegen die Kinder-Impfung aufzurufen. Am Ende war das Potenzial auf der Straße in Wien geringer als etwa in Frankreich oder Australien, wo die totalitären Maßnahmen immer unsanfter werden. Hierzulande ist der kollektive „Öffnungstaumel“ noch zu groß, als dass wie im Winter „Kurz muss weg“ aus tausenden Kehlen schallt.

Ein Etappensieg gegen die Haltungsphalanx

Aber: Es ist ein Anfang. Denn wenn Proll oder auch ihr Kollege Düringer zur Teilnahme zu einer Demo gegen die herrschende Meinung aufrufen, ist das ein starkes Zeichen. Ein Zeichen, dass einer Hegemonie zumindest erste Kiesel aus der Fassade bröckeln. Es ist ein Vorbild, das normale Bürger vielleicht beim Hinterfragen hilft, wenn ihre Idole sich kritisch zeigen. Und es werden ständig mehr: Von Eric Clapton bis Alexander Klaws übten in den vergangenen Monaten viele Kulturschaffende scharfe Kritik an den Maßnahmen ihrer jeweiligen Ländern, von denen man es am wenigsten dachte.

Vielleicht auch, weil ihre Branche mit am stärksten unter den Lockdowns litt – und nun unter den vergifteten „Lockerungen“ weiter leiden. Existenzsorgen helfen dabei, die Spreu vom Weizen zu trennen. Und so ist es in manchen Fällen sicherlich „reaktiver“ Widerstand und kein aktiver. Aber es ist Widerstand – und wer einmal herrschende Narrative hinterfragt, kann sie zweimal hinterfragen. Und wenn man eine Öffentlichkeit hat, kann man die Menschen für die eigenen Überlegungen begeistern.

Erfrischende Gegenstimmen ersetzen keine Gegenkultur

Für uns Patrioten und Dissidenten sind solche Gegenstimmen, die aus diesem Einheitsbrei ausbrechen, wie Balsam auf die geplagte Seele. Seit dem ganzheitlichen Umsturz der Deutungshoheit durch die 1968er sieht man sich als Kritiker der Mächtigen stets einer wahren Phalanx von Gegnern gegenüber. Während der linke Mainstream seine Thesen wirr in den Raum werfen kann und irgendwo in den Medien, der Kultur oder sogar in der Wissenschaft einen Bewunderer findet, hilft kein noch so logisch argumentierter kritischer Einwand, ohne dass dieselben Netzwerke ihn zu Boden brüllt. Corona ist hier ein Umbruch: die Kritik an den Maßnahmen ist „querfrontig“ wie selten zuvor.

Aber bei aller Freude über widerständige Künstler, die am Stuhlbein der Mächtigen sägen, darf man nicht vorschnell in eine „Our Guy“-Freude verfallen. Beim nächsten Thema, bei der nächsten Krise kann es bei manchen schon ganz anders aussehen. Wie viele doch schockiert sind, dass gerade „ihr“ Andreas Gabalier seit einiger Zeit seine Bewunderung für Sebastian Kurz ausdrückt und bereits im Jänner zum Besten gab, dass er sich impfen lassen werde? Künstler, die sich sinnvoll äußern, soll man unterstützen, keine Frage. Aber es ist kein Ersatz für den Aufbau eigenständiger patriotisch-kritischer Gegenkultur.


Weiterlesen:

Verfrühter Jubel: Ist der Aufstand der Künstler wirklich ein Aufbruch? (23.04.2021)

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