Connect with us

Gesellschaft

FREILICH-Studie: „Islamofaschismus“ – Verwirrung um einen Begriff

Redaktion

Published

on

Inhaltlich haben Islam und Faschismus nichts gemein. Warum, wird in der neuen FREILICH-Studie untersucht. Die TAGESSTIMME bringt einen Auszug.

Der Schriftsteller Umberto Eco stellte treffend fest, dass das Wort „Faschismus“ zu einer „Synekdoche“ geworden sei, d. h. in diesem Falle: Man benutzt diesen Terminus, der eigentlich eine spezifische Weltanschauung bezeichnet, als Oberbegriff für verschiedenste Ideologien, denen man aufgrund ihres diabolischen Wesens das Übelste des Üblen anhängen möchte.

Denn insbesondere linke Ideologen, denen selbst der deutsche Nationalsozialismus – von gemäßigt nationalistischen und nationalen Ideen ganz zu schweigen – irrtümlicherweise noch als Faschismus erscheint, haben es weitgehend durchgesetzt, dass von „Faschismus“ immer dann die Rede ist, wenn irgendwo und irgendwann ein Regime oder eine Gruppierung mörderisch-barbarisch auftritt.

Mehr zum Begriff „Islamofaschismus“ lesen Sie in der aktuellen FREILICH-Studie. HIER KOSTENLOS HERUNTERLADEN.

Das gab es vereinzelt schon im Hinblick auf Saddam Hussein oder diverse Mudschahedin-Gruppen Afghanistans. Da war es nur eine Frage der Zeit, bis auch das Wüten islamistischer Terroristen vom Schlage der mittlerweile einigermaßen ausgemerzten „Nusra-Front“, al-Qaidas oder des „Islamischen Staates“ (IS) in Syrien und im Irak als „faschistisch“ deklariert werden würde. Das ist grotesk – aber erfolgreich.

Alles Faschismus, oder was?

„Islamfaschismus“, „Islamofaschismus“ oder „islamischer Faschismus“ sind Neologismen, die seit fast zwei Dekaden Verbreitung finden. Mitglieder der US-Regierung unter George W. Bush fanden ebenso Gefallen an ihnen wie der Islamwissenschaftler Bassam Tibi, der linke Autor Christopher Hitchens, der „antideutsche“ Wiener Publizist Stephan Grigat oder das ehemalige freiheitliche Aushängeschild Heinz-Christian Strache, um nur einige der bekannteren Beispiele zu nennen. Hamed Abdel-Samad, Intimus des neokonservativen Provokationspublizisten Henryk M. Broder, gelang 2014 mit seinem Buch „Der islamische Faschismus“ gar ein Bestseller, der aufgrund seiner Reichweite in dieser Studie Auseinandersetzung findet. Bei dem deutsch-ägyptischen Journalisten wird wie bei keinem zweiten deutlich, dass die große Unklarheit darüber, was Faschismus eigentlich in seiner Essenz darstellt und meint, zu solcherlei Begriffsverirrungen führen muss. Vergessen wir daher zunächst für einen Moment gängige Stereotype, die „den“ Faschismus (bzw. all seine mannigfaltigen Unterströmungen) bedrängen, und halten uns an einen verstandesmäßigen Forscher, Zeev Sternhell.

Der israelische Historiker definierte in seinem Opus magnum: „Die faschistische Ideologie, wie sie um die Jahrhundertwende entstand und in den zwanziger und dreißiger Jahren fortentwickelt wurde, ist das Produkt der Verschmelzung des organischen Nationalismus mit der antimaterialistischen Marxismusrevision, sie drückt einen revolutionären Willen aus, der sich auf die Ablehnung des Individualismus liberaler wie marxistischer Prägung gründet, und sie verkündet die Prinzipien einer neuen, eigenständigen politischen Kultur.“

Oder, wie Sternhell 15 Jahre später in einem Interview kurz und bündig resümierte: „Die faschistische Ideologie ist eine Synthese aus einem radikalen Nationalismus und einer antimaterialistischen, antirationalistischen Revision des Marxismus.“ Außerdem war „der“ (idealtypisch gedachte) Faschismus in seinen Wurzeln ausgesprochen modernistisch, vitalistisch, elitär, nicht aber rassistisch oder antisemitisch wie die dominierende, die hitlersche Variante des Nationalsozialismus. Daher heißt es im bereits angeführten Standardwerk: „Der Faschismus kann keineswegs mit dem Nationalsozialismus gleichgesetzt werden.“ Es gäbe vieles zu ergänzen über essenzielle faschistische Ingredienzien wie den (politisch-ökonomischen) Korporatismus oder das Spannungsverhältnis Klassizismus/Futurismus sowie über die (autoritäre, nicht: totalitäre) Regimephase des italienischen Faschismus und Hannah Arendts entsprechende Analysen. Aber bereits dieser kurze Abriss ist ausreichend, um Abdel-Samads – mittlerweile weitverbreitete – Verknüpfung des Faschismusbegriffes mit dem islamischen Fundamentalismus irritierend zu finden.

Lesenswerte und kundige Passagen über die Geschichte der Muslimbruderschaft, die in Ägypten unter Mohammed Mursi kurz regieren konnte, gehen in seinem Bestseller unter in einem Potpourri aus Faschismusvorwürfen. Alles Faschisten: sunnitische Extremisten, wahhabitische Eiferer, schiitische Nationalisten, der Iran ohnehin, selbst säkulare Staatsführer können betroffen sein. Abdel-Samad hat keinerlei Vorstellung davon, was Faschismus meinen könnte, und verbindet damit daher schlicht und ergreifend jede Form von Terror, Massenmorden und Dogmatismus. In der deutschen Tageszeitung „Die Welt“ definiert er Faschismus als „politische Religion, mit Wahrheiten, mit Propheten, mit einem charismatischen Führer“, getragen von „Rachlust“ und der betriebenen „Entmenschlichung der Feinde“. Seine Schlussfolgerung lautet, dass dies alles in der Urgeschichte des Islam zu finden sei, weshalb er die irrationale Verknüpfung von Faschismus und politischem Islam für vernünftig hält.

Das Erfolgsbuch läuft in der Konsequenz auf die abenteuerliche wie publikumswirksame These hinaus, die Geschichte des Islam, beim Propheten Mohammed im 7. Jahrhundert begonnen, sei eine Geschichte des Faschismus. Man verdeutliche sich: Hier wird eine hierarchisch-elitäre, staatsorientierte bis -vergötzende und nationalistische Ideologie wie der Faschismus gleichgesetzt mit dem archaischfundamentalistischen Islam, der erklärtermaßen egalitär, antistaatlich und  antinational-universalistisch ist – mithin die diametral entgegengesetzten Schwerpunkte setzt.

Linke „Islamfaschismus“-Debatten

Aber nicht nur der laizistisch-liberale Deutschägypter mit Hang zum US-affinen und häufig islamfeindlichen, von ehemaligen amerikanischen Linksliberalen und Trotzkisten geschaffenen „Neokonservatismus“ hängt solchen Gleichsetzungen in Bezug auf Faschismus/Islamismus an. Auch in der radikalen politischen Linken – jedenfalls auf jenem Flügel, in dem man ebenfalls willfährig auf entsprechende neokonservative Deutungsmuster zurückgreift – stößt man auf sie. Der vor allem in der „antideutschen“ Wochenzeitung „Jungle World“ publizierende Volker Weiß vertrat im linksextremistischen „Antifaschistischen Infoblatt“ (AIB) solch eine ähnliche Auffassung. Islamismus und Faschismus wiesen, so der zeitweilige Dozent der Universität Hamburg und in der Bundesrepublik Deutschland vielfach gefragte „Experte für Rechtsextremismus“, „historisch, ideologisch und strukturell deutliche Parallelen auf“. Beide seien Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden, dem Wesen nach radikal konservativ, kämpften mit Mitteln der Moderne gegen die Moderne und pflegten einen ähnlichen Stil der Agitation und der Gewalt. Daher sei es zutreffend, für Mörderbanden vom Schlage des IS den Begriff Faschismus anzuwenden.

Gelten hier grundsätzlich die gleichen Einwände wie gegen Abdel-Samads Einlassungen, so muss noch zusätzlich ergänzt werden, dass Weiß die grundsätzliche Staatsfeindschaft der islamischen, meist sunnitisch-wahhabitischen Ideologen gänzlich missdeutet. Er meint gar, die Vorstellung des islamischen IS-Kalifates sei „eine klassische Reichsüberlieferung, in der der religiöse Mythos der Vergangenheit mit der politischen Realität der Gegenwart zur muslimischen Nation verschmolzen werden soll“. Weiß vermengt hier – wie so viele der gewünschten Ideologiereproduktion, nicht dem objektiven Verstehen verpflichteten Publizisten – Richtiges mit Falschem, was an späterer Stelle noch zu diskutieren sein wird (ebenso wie die von ihm konstruierte „Verschränkung von religiösen und nationalistischen Inhalten“).

Noch absonderlicher äußerte sich der Anfang 2021 verstorbene Doyen der linken  Faschismusforschung, Wolfgang Wippermann, der zwar zu Recht den Begriff „Islamofaschismus“ ablehnte, da dieser eine vielgestaltige Weltreligion pauschal mit „dem“ Faschismus verquicke, der aber in der Folge nicht etwa auf die doch recht naheliegende Idee kam, dass islamischer Fundamentalismus zuallererst islamischen Fundamentalismus darstelle. Wippermann plädierte stattdessen ernstlich dafür, den extremen Islamismus „fundamentalistischen Faschismus“ zu nennen.8 In dieser Lesart bleibt von IS, Boko Haram und Co. nicht einmal ihr sunnitisch-islamischer Anspruch übrig. Dieser wird vorsätzlich ausgesondert. Und die islamistischen „Gotteskrieger“ sind sodann lediglich besonders radikale oder eben fundamentalistische Faschisten. Erst einmal so simplifizierend vorgegangen, bleibt die binäre Schwarz-Weiß-Sicht der antifaschistischen Welt mit  ihrem unverzichtbaren Feindbild „Faschismus“ auch im 21. Jahrhundert mühelos erhalten – Wippermann und Co. können nicht ohne ihren Fetisch.

Dabei gibt es weit mehr gute Gründe, Faschismus und islamischen Fundamentalismus – besser: Neofundamentalismus – deutlich voneinander zu scheiden, als dafür, eine Synthese aus beiden zu propagieren. Denn was macht islamischen Neofundamentalismus wesensgemäß aus? Ist er schlicht als „Islamismus“ zu bezeichnen? Worin unterscheidet sich der islamische Neofundamentalismus hernach erheblich von faschistischen Ideologemen? Worin liegen gegebenenfalls Gemeinsamkeiten?

Mehr zum Begriff „Islamofaschismus“ lesen Sie in der aktuellen FREILICH-Studie. HIER KOSTENLOS HERUNTERLADEN.

Click to comment

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Beliebt