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Gesellschaft

Entgegen Medienberichten: Weiter kaum Andrang auf vierte Impfung

Julian Schernthaner

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Das Nationale Impfgremium (NIG) empfahl kürzlich eine zweite Boosterimpfung für alle Personen über 65 Jahren. Nichtdestotrotz bleibt der Viertstich vorerst eher ein Ladenhüter. Anhand punktueller Spitzen und kuriosen Zahlenspielen behaupten einige Leitmedien hingegen einen Ansturm in Wien.

Wien. – Die Stadt Wien erweitert demnächst ihr Angebot in Impfzentren und begründet dies damit, dass es am Sonntag im Austria Center Vienna zu Wartezeiten gekommen sei. Tatsächlich war der Termin am Wochenende mit 1.300 Impfwilligen besser besucht als unter der Woche, wo auch Impfärzte offen haben (etwa 300 pro Tag). Das „hohe Interesse“, von dem etwa der ORF spricht, bleibt allerdings weiter aus. Denn auch in der Bundeshauptstadt nahmen erst zwei Prozent der knapp zwei Millionen Einwohner dieses Angebot wahr – trotz kräftigen Rührens der Werbetrommel.

Zahlenakrobatik attraktiviert Ladenhüter nicht

Eine noch abenteuerlichere Darstellung versuchte unlängst die Heute, die einen 40-fachen Anstieg in nur drei Wochen in ganz Wien vermeldete. Dieser Vergleich hinkte gleich zweifach: Zum einen war der Ausgangswert des 6. Juni mit 45 (!) Impfungen besonders niedrig, der Anstieg auf 1.806 Impfungen an einem Wochentag auch keine wahre Explosion. Zum anderen handelte es sich beim niedrigen Wert um einen Feiertag, nämlich um den Pfingstmontag.

An Sonn- und Feiertagen ist die Nachfrage bei den Impfzentren seit Pandemiebeginn etwas höher als unter der Woche, insgesamt allerdings merklich niedriger als unter der Woche. Außerdem verkaufte die Heute den vermeintlichen „Ansturm“ als Auffrischung vor dem Familienurlaub. Tatsächlich gab es zum Zeitpunkt des Artikels im erwerbstätigen Alter (bis 65 Jahre) keine Alterskohorte, in der über ein Prozent der impfbaren Bevölkerung einen Viertstich bekam.

Der Löwenanteil betrifft also weiterhin Senioren. Mit Stand vom 3. Juli waren Männer über 84 Jahren (8,9 Prozent) sowie zwischen 75-84 Jahren (7,9 Prozent) am ehesten bereit, sich den Viertstich setzen zu lassen. Bei jüngeren Personen bis 54 Jahren befindet sich die Viertimpfquote indes im Promillebereich, in der Gruppe der 15 bis 24-jährigen in zwei Drittel der Bundesländer gar unter 0,1 Prozent.

Kaum noch Interesse an ersten drei Dosen

Auch insgesamt ist die Impfbereitschaft der Bürger seit Monaten eher rückläufig – paradoxerweise besonders stark seit Einführung der nie scharf gestellten und nun zur Abschaffung vorbereiteten Impfpflicht. Bei den ersten drei Dosen bleibt der Rückgang konstant, vor allem neue Impflinge können nicht mehr gewonnen werden. Mehr als 200 Erstimpfungen an einem Tag gab es zuletzt am 10. Juni, für die ersten drei Dosen fiel der 7-Tage-Schnitt bundesweit mittlerweile unter 2.000 Dosen.

Impf-Hochburgen als Hochinzidenz-Gebiete

Dies dürfte nicht zuletzt auch mit der wachsenden Anzahl von Durchbruchsinfektionen zu tun haben. Sprich: Der Glauben der Bürger an die Wirksamkeit dieser Behandlung ist offenkundig rückläufig. Denn der Infektionsschutz stellte sich in den letzten Monaten, spätestens seit der milden Omikron-Variante, als bestenfalls kurzfristiger Natur heraus. Der Schutz vor schweren Verläufen wird zwar von offizieller Seite weiterhin beschworen – diese sind aber bei Omikron ausnehmend selten. In ganz Österreich befanden sich am Sonntag nur 50 Personen mit oder wegen Corona auf Intensivstationen.

Zeitgleich bahnt sich eine andere Korrelation an: Nach dem weiterhin in Öffis maskenpflichtigen Wien (1.248) – auch unter den Bezirken trauriger Spitzenreiter – haben mit dem Burgenland (965,8) und Niederösterreich (896,2) ausgerechnet jene beiden Bundesländer mit der höchsten Impfquote nach nationaler Definition die höchsten 7-Tages-Inzidenzen. Eine Kausalität ist freilich nicht nachweisbar. Demgegenüber liegen allerdings die drei „impffaulen“ Bezirke des Innviertels nur auf den Plätzen 62, 66 und 88 unter 94 Bezirken. Die niedrigste Inzidenz findet sich derzeit in drei steirischen Bezirken.

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