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Kultur

Edwin Rosen: Neue 80er-Wave-Welle

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Die 80er-Wave-Welle kommt in Deutschland an. Lorenz Bien blickt auf das neue Phänomen des 80er-Wave.

Dass die 80er Jahre „wieder“ angesagt sind – das wird mittlerweile schon so lange postuliert, dass man sich fragen muss, ob sie je weg waren. Bereits der Film American Psycho bescherte ja der ewig neonlichtdurchtränkten Nacht des Reagan-Amerika ein makabres Wiederwachen, und da waren die 80er gerade einmal zehn Jahre her. Ein Jahr später folgte Donnie Darko, der nicht bloß im Jahre 1988 spielte, sondern sich auch fleißig an filmischen Vorbildern aus der Zeit bediente. Eine überwiegend weiße und bürgerliche Kleinstadt, schrullig-sympathische Jugendliche nach bester John Hughes-Tradition, dazu ein wenig surreale lynchige weirdness und ein Soundtrack, der von Tears for Fears bis zu Joy Division sämtliche Klassiker mit an Bord hatte.

Die 80er begeistern noch immer

Seitdem hat die Begeisterung an der Wiederholung eher zu- statt abgenommen, und vor allem: die Stilmittel der 80er haben sich von der strengen Bindung an das referenzierte Jahrzehnt gelöst. Der Film Drive (2011) spielte etwa im Hier und Jetzt, bediente sich dabei aber einer Filmästhetik, die Erinnerungen weckte; eine in der Kriminalität versinkende Großstadt, Neonlichter, Lens-Flare-Effekte und ein geisterhaft schöner Soundtrack von Retro-Synth-Gruppen wie College und Desire; dank Drive wirkte der Stil aus der Vergangenheit plötzlich aktuell, wirkte 2010eresque.

Mit der Zeit trugen Berliner Hipster wieder Vokuhila und lila-türkise Trainingsanzüge, im Internet quollen Imageboards mit GIFs über, auf denen 8-bit-Autos vor palmenumsäumten Miamistränden herumgurkten und mit Synthwave, Vaporwave, Neo-Italo-Disco und Konsorten gab es alsbald für jede erdenkliche und noch so kleine Musiksparte der 80er eine neu aufgelegte Internetnische. Traurig-warme Synthesizerklänge wurden zum kleinsten gemeinsamen Nenner einer in atomisierte Individuen zerstückelten Generation, die keine eigentlichen Jugendsubkulturen mehr hervorbrachte, die ihr Leben mehr und mehr virtuell verbrachte und sich angesichts einer sich immer weiter destabilisierenden politischen Lage in eine Vergangenheit flüchten konnte, die sie selbst nie erlebt hatte.

Edwin Rosen und ein Hauch Neue Deutsche Welle

Nun gibt es also Edwin Rosen. Seitdem der junge Musiker aus dem Raum Stuttgart im Januar 2021 den Song leichter//kälter veröffentlicht hat, krabbeln die Klickzahlen seiner Videos stetig nach oben. Das Grundschema ist dabei nichts Neues: melancholische Synthmelodien, ein kalt hämmernder Drumcomputer und eine verhallte Stimme, die irgendwas über eine Liebe singt, die vielleicht hätte sein können, aber nie war. Man kennt es von Projekten wie Castlebeat oder Phosphor, aber dank Rosen gibt’s das nun eben auf Deutsch. Und doch ändert sich mit der Gesangssprache etwas – etwas, das über die Sprache hinausgeht. Die kulturellen Referenzen sind andere. Statt an das Reagan-Amerika denkt man an die Neue Deutsche Welle, statt an Kleinstädte in Ohio oder Oregon, lässt die Musik Bilder der Berliner Mauer wieder auferstehen. Wobei Rosen, im Gegensatz zur historischen NDW, jede Anspielung auf gesellschaftliche Debatten irgendwelcher Art konsequent vermeidet und sich seine bisher veröffentlichten Lieder, (leichter//kälter, mitleerenhänden, Verschwende deine Zeit, um mal die gelungensten zu nennen) konsequent um die Themen „unglückliche Liebe“ und „Beziehungsprobleme“ drehen.

Melodien und Texte sind dabei simpel, aber wirksam und gerade die teilweise etwas monotone Wiederholung entfacht durchaus einen gewissen Sog. Wenn sich Rosen in leichter//kälter in knapp drei Minuten über das Wort „kalt“ auslässt und es mal hierhin, mal dorthin assoziieren lässt („Du stehst barfuß im Schnee“… / „Doch du sagst es ist viel leichter, ja ich sei doch so viel kälter … und deine Lippen sind lila, wie die Blumen, die ich dir nie kauf“) um dann am Ende die Anschuldigung der besungenen Liebschaft mit resignierter Stimme im Sinne eines Mantras immer wieder zu wiederholen („Mir ist so kalt, mir ist so kalt, mir ist so kalt, sagst Du zu mir, Du bist so kalt, Du bist so kalt, Du bist so kalt, sagst Du zu mir“), dann funktioniert das und ist schon irgendwie sehr schön.

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