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Meinung

Die Betrunkenen auf dem Steg

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Unter großem Jubel wurde der Komplexitätsforscher Peter Klimek dank seiner ausgefeilten Prognosen zum österreichischen Wissenschaftler des Jahres gekürt. Wie weit politische Entscheidungen auf seinen Berechnungen basieren, wird wohl nicht bekannt werden. In der „Zeit im Bild“ vom 12. November 2021 war er über die Politik zumindest erzürnt, die seine Modellberechnungen über ansteigende Zahlen im Herbst ignorierten und in der Konsequenz schließlich im fünften Lockdown des Landes endeten.

Als Anfang 2020 die COVID-Pandemie auch in Europa ankam, sahen sich die Entscheidungsträger mit einem Marathon konfrontiert. Während Schweden auf die Vernunft und Selbständigkeit der Bevölkerung setzte, die diese auch über mehrere Jahre durchhalten könnte, rollte man in Kontinentaleuropa ein komplexes System aus Regeln aus, das die Ansteckungsraten steuern und somit einen Kollaps des Gesundheitssystems verhindern sollte. Anders Tegnell, der schwedische Chef-Epidemiologe, erklärte rückblickend auf einer Pressekonferenz vom 18.11.2021 die Strategie seines Landes: „Wir haben von Anfang an nicht geglaubt, dass dieses ständige Öffnen und Schließen einer Gesellschaft funktionier“

Ob nun die Zeit nach dem Lockdown, die Maskenpflicht, die FFP2-Maskenpflicht, die Massentestungen, die Impfung, Teil-Lockdown – ständig arbeiteten Politiker mit Durchhalteparolen und der nächsten „Silver Bullet“ (Anders Tegnell), die die Pandemie beenden sollte, als wäre sie nie dagewesen. Unterstützt wurden sie dabei von einem breiten medialen Konsens, die diesen gleichzeitig als wissenschaftlichen Konsens ausgaben.

Die Welt ist komplex – doch unsere Politiker eher simpel

Während aller Augen auf Klimeks Modelle gerichtet sind, ging ein anderes Instrument der Komplexitätsforscher unter – der Zufall. Dies kann das Modell des Betrunkenen auf dem Steg (Seite 11, wer es sehr mathematisch mag) veranschaulichen (1 Symbolbild der Betrunkene auf dem Steg). Man stelle sich hierzu einen Betrunkenen vor, der auf einem schmalen Steg mit jedem Schritt nach vorne, zur Seite links oder zur Seite rechts schwankt. Durch seinen hohen Promillestand ist es dem Zufall überlassen, in welche Richtung es geht. Der Einfachheit nehmen wir an, dass er exakt in der Mitte steht. Von dieser Mitte aus ist er jeweils zwei Schritte nach links und zwei nach rechts vom Sturz ins kalte Wasser entfernt. Jeder Schritt kann wieder in die Mitte führen, doch wenn man lange genug geht, so erwartet einen schlicht und ergreifend ab einem gewissen Punkt der Sturz ins Wasser – unweigerlich. Und liegt man einmal im Wasser, so ist ein Zustand erreicht, von dem man nicht mehr zurückkommt auf den Steg.

Abbildung 1 Modell des Betrunkenen auf dem Steg (Quelle: eigene Darstellung)

Die Maßnahmen der Regierenden

Ähnlich gelegen ist der Fall mit den Regierungsmaßnahmen in den meisten Ländern während der Pandemie. Diese Graphik schein einem natürlich sehr stark vereinfacht, doch sieht man sich die Maßnahmen der Regierenden über den Zeitverlauf an, so ähneln diese durchaus eher einem Betrunkenen auf dem Steg (manch böse Zunge mag behaupten, einem Schimpansen, der Dartpfeile an eine Wand wirft) und nicht schlüssigen durchdachten Handlungen (siehe 2).

Und irgendwann war es so weit, dass so gut wie jedes Land etwas verpfuscht hat, irgendjemandem war die Maske verrutscht und schon war das Virus reingeflutscht und die ganze schöne Bilanz unserer zentralen Planer im Eimer. Nicht minder vom Zufall geprägt waren die Todeszahlen in den Ländern und noch dazu völlig unabhängig von diversen Lockdown-Maßnahmen (3). Wurde einmal geschlampt, ein Lockdown nicht beherzt genug durchgesetzt, die Pflegeheime nicht gut genug geschützt, die Impfquote nicht erfüllt, die Booster nicht rechtzeitig verabreicht. Irgendwann verlor jeder – und ist es einmal passiert, sind die Toten auch nicht mehr zurückzuholen – der Betrunkene lag praktisch bedröppelt im Wasser.

Tatsächlich berührt diese Art Politik zu machen den Kern totalitärer Ideologien: kann eine öffentliche Verwaltung, vulgo Staat, eine Gesellschaft zentral so steuern, um politisch festgelegte Ziele zu erreichen. Sei es soziale Gleichheit, Geschlechterparität, anteilsmäßige Repräsentation von Minderheiten in allem und überall – oder diverse Ismen, vom Öko-Fundamentalismus über den Sozialismus. Besonders letzterem wird gerne nachgesagt, dass er doch funktionieren würde, würden sich doch nur die Leute so verhalten, wie es das zentrale Planungskomitee sich vorstellt. Ähnlich gelagert ist es mit den Corona-Maßnahmen: Ach, wie könnten wir nur die Alten schützen, würde jeder nur brav zu Hause hocken und fernschauen – dass Menschen Geld verdienen müssen, ohne im Homeoffice zu sitzen, erschließt sich der heutigen Planungselite in Politik, Medien und Wissenschaft kaum mehr.

Ausgerechnet das linke Schweden

Die Schweden wären die einzigen gewesen, die die Pandemie von ihrem Ende hergedacht haben, so Anders Tegnell. Man erwartete von Anfang an gar nicht, die Menschen immer und überall steuern zu können. Irgendwann über den Verlauf der Zeit musste unweigerlich der Sturz ins Wasser kommen. Im Fall der Schweden war dies gleich zu Beginn der Pandemie gewesen, als man es verabsäumt hatte, die Pflegeheime in einer Weise abzuschotten, um den Virus draußen zu behalten. Doch auch hier unterscheiden sich die Nachbarn im Norden von weiten Teilen des restlichen Landes: Man hatte dieses Versagen auch eingestanden und die Fehler evaluiert, um sie in Zukunft zu vermeiden.

Umgekehrt hat die österreichische Politik, und auch in weiten Teilen Rest-Europas zuallererst mit Kriegsrhetorik reagiert, dann mit Panik, weil die angestrebte Form der Kontrolle über die Gesellschaft vielleicht in China funktioniert, jedoch nicht in liberalen Gesellschaften. Irgendwann fanden sich die Völker Europas ohnehin nur noch in einem kruden Wettrennen zwischen den Regierenden und Medien, um die niedrigste Inzidenz, die höchste Impfquote, die bravsten Maskenträger. Oberste Bürgerpflicht wurde es, das eigene Land in den internationalen Statistiken gut aussehen zu lassen.

Mit bisher sehr zweifelhaftem Erfolg bei einem bisher völlig unbekannten Ausmaß an langfristigen Schäden sei es wirtschaftlich, psychosozial, und Verlust an lebenswerten Jahren. Doch man darf davon ausgehen, dass noch sehr viel Geld dafür ausgegeben wird, damit Modellierer wie Klimek hierzu viel Papier produzieren dürfen, während gleichzeitig für diejenigen, bei denen am meisten Schaden angerichtet wurde, nichts mehr übrig sein wird.

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