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Wirtschaft

Korruption und Misswirtschaft: Die Ukrainer an der Grenze der Belastbarkeit

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Wie Korruption und Misswirtschaft ein Volk lahmlegen. Ein Bericht über die Lage im Osten der Ukraine.

Die zweitgrößte Stadt Charkow liegt lediglich vierzig Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Nicht die besten Voraussetzungen, um derzeit für langfristige Auslands-Investitionen in Frage zu kommen. Im Gegensatz zu der ehemaligen Habsburgerstadt Lwow am anderen Ende des Landes an der Grenze zu Polen, ist hier auch noch nicht besonders viel von der Annäherung an den Westen oder der Freihandelszone mit der Europäischen Union angekommen.

Eher im Gegenteil war Charkow lange Zeit sogar einmal die größte Stadt des Landes, Handelspunkt im Verlauf der Seidenstraße Richtung Europa und industrielles Zentrum der sowjetischen Ukraine. Zwar hat sich die Bevölkerung nicht an der Abspaltung von der Ukraine beteiligt, obwohl sie zu einem Gutteil russischsprachig ist, blieb die Unterstützung für die Separatisten immer relativ gering.

Auch jetzt, wo Putin schwere Waffen und 100.000 Soldaten an der Grenze zusammengezogen hat, bleibt die Bevölkerung der Stadt demonstrativ gelassen. Die Shopping Malls sind voll, ebenso wie die Cafés und Restaurants. Auch von Lockdown-Stimmung aufgrund der anhaltenden COVID-Pandemie, die in der Ukraine auf ein besonders schlecht ausgestattetes Gesundheitssystem trifft, ist nichts zu merken. Der Konsum lebt nach dem Motto, man muss die Feste feiern, wie sie fallen.

Lieber über die Runden kommen anstatt großer Politik

Ohnehin überwiegen die tagtäglichen Sorgen bei den Menschen, sodass die große Politik keinen Platz hat. Die Teuerung mit über zehn Prozent im Jahr 2021 hat das Land fest im Griff, die Preise in den Restaurants haben sich seit 2017 annähernd verdoppelt. Damit steht die Ukraine anderen Ländern kaum nach. Doch während man beispielsweise in der Türkei gerne den autokratischen Kurs Erdogans für die Misere verantwortlich macht, finden sich in den Institutionen der Ukraine zahlreiche Experten, oftmals ukrainischen Ursprungs, ausgebildet in den USA und Westeuropa, die nach europäischen Maßstäben entscheiden. Dennoch tut sich das Land schwer, wieder die Kontrolle über seine Wirtschaft zu erlangen.

Besonders der Osten ist betroffen. Dieser hatte durch eine Annäherung an die Europäische Union am meisten zu verlieren. In den Provinzen Lugansk, Donetsk oder auch in Charkow sind die Zentren der Kohle- und Stahlindustrie sowie ganze Produktionscluster beheimatet. Hier haben sich ganze Cluster entwickelt, die von der Kohlemine über die Raffinerie und der technologischen Entwicklung bis zur Endfertigung industrieller Maschinen die gesamte Lieferkette abwickeln. Für diese sind vor allem die postsowjetischen Märkte – allen voran der Russische – essenziell. Noch schlimmer: Wären zahlreiche dieser Produktionsstätten, die die Regionen im Osten zu den wohlhabendsten des Landes werden ließen, nicht mehr konkurrenzfähig gegenüber den hochproduktiven Maschinenbauern aus Europa und der Pleite preisgegeben.

Ein Beispiel ist die seit 1930 existierende Traktorfabrik KhTZ in Charkow, die direkt 1.000 Menschen sichere und langfristige Jobs verschafft. Eine Mangelware, besonders unter den Jugendlichen des Landes, die sich etwa als Freelance-Programmierer oder mit Service-Jobs in der Gastronomie durchs Leben schlagen. Die Kosten der Anpassung an die neuen Marktstrukturen mit einem offenen Binnenmarkt gegenüber Europa sowie verschlossenen Märkten gegenüber Russland sind hier im Osten am höchsten.

Der Bildungsmarkt in Charkow

Doch auch Bildung, besonders für private Bildungsanbieter, wurde zu einem interessanten Geschäftszweig, der als Export dient. Zahlreiche internationale Studenten finden sich besonders in Charkow, um hier Medizin zu studieren. Die Universitäten der Ukraine produzieren im europäischen Vergleich sogar die fünfthöchste Zahl an Uniabsolventen. Doch auch hier finden sich eher wenige Studenten aus dem Westen wieder, stattdessen tummeln sich in den Straßen und Lern-Cafés Inder und Afrikaner. Diese kommen hierher, da die medizinische Ausbildung für sie in ihren Heimatländern finanziell unerschwinglich ist, umgekehrt ist sie in der Ukraine qualitativ weniger hochwertig und sehr theorielastig, was zu Problemen bei der Anerkennung der Studenten im Ausland führt.

Ukrainer und auch die ausländischen Studenten geben oft horrende Summen für privaten Unterricht, besonders Sprachunterricht, aus. So gibt es in den attraktiven Wohngegenden der Stadt kleine Gemeinschaften von Amerikanern und Briten, die sich als Englisch-Lehrer in der Ukraine ihren Lebensunterhalt verdienen können. Auch Vlad betätigt sich neben seiner Tätigkeit an der öffentlichen Uni an einem privaten Institut als Deutschlehrer. Zu seinen Schülern gehören neben Einheimischen auch Syrer und Marokkaner, die sich von ihren Sprachkenntnissen schließlich einen Berufsstart in Deutschland erhoffen. Doch wer diese finanziellen Möglichkeiten nicht hat, muss entweder in seinen akademischen Leistungen brillant sein, um so in den Genuss eines Stipendiums zu kommen und kostenlos studieren zu können. Ebenso können internationale Programme wie das europäische Studentenaustauschprogramm Erasmus Plus oder die internationale Vernetzungsplattform AISEC bieten Wege aus dem Land heraus.

Der öffentliche Sektor, unterfinanziert und korrupt

Wie die anderen Bereiche des öffentlichen Lebens leidet auch das ukrainische Bildungssystem unter der chronischen Unterfinanzierung des Staates. Dies beginnt bei der Ausstattung in Studentenwohnheimen, wo man sich ein Zimmer mit zwei anderen teilt, die Waschmaschine ist älter als die meisten Studenten selbst, die es bevorzugen ihre Wäsche mit der Hand unter der Dusche zu waschen. Ebenso hilft man sich mit einer mobilen Herdplatte ab, da der Herd in der Gemeinschaftsküche nicht funktioniert.

Doch während diese Ausstattung schlechtestenfalls der Lernatmosphäre nicht zuträglich ist, ist die Korruption an den Universitäten endemisch. So bekäme ein Dozent an einer öffentlichen Universität lediglich umgerechnet etwa drei Euro pro Vorlesung, während Mittagsessen in dem Fastfood-Restaurant Puzhata Hata, das einheimische Küche anbietet, bereits vier Euro kostet – eine Verdopplung seit 2017, ein Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt 3,50 Euro. Unter solchen Umständen verbringt schon einmal ein Professor die Stunde eher damit, sich über die widrigen Umstände zu beschweren, anstatt den Studenten etwas beizubringen. Diese investieren daraufhin lieber ihre Zeit in anderes als ernsthaftes Studieren.

Ohnehin sei es kompliziert, eine solche Stelle überhaupt einmal zu ergattern, so ein Uni-Dozent. Man bezahle schon einmal 50.000 Dollar unter der Hand, um überhaupt eingestellt zu werden. Eine staatliche Stelle ist immerhin schon einmal eine Investition in einem Land mit einer offiziellen Arbeitslosigkeit von neun bis zehn Prozent. Doch die Löhne reichen offensichtlich kaum, um den Lebensunterhalt zu bestreiten, geschweige denn die Bestechung wieder hereinzubekommen. So ließen Dozenten, Studenten oftmals absichtlich durchfallen, um sie so ihrerseits zur Zahlung von Bestechungen zu zwingen, um bestehen zu können.

Ähnliches lässt sich aus dem Gesundheitssektor berichten, wo die Familie den Pflegekräften „Trinkgeld“ bezahlt, um zu gewährleisten, dass ihre Angehörigen unter der Masse an Patienten nicht untergehen und die Ärzte ihnen eine angemessene Behandlung angedeihen lassen. Noch viel gravierender auf die wirtschaftliche Entwicklung wirkt sich die Unterfinanzierung des Justizsystems aus, wo Leute ihren Job beim öffentlichen Gericht kündigen, weil die 300 Dollar inklusive unbezahlter Überstunden kaum einen Unterschied mehr machen. Die ukrainische Regierung hat zwar eine Agentur gegen Korruption eingerichtet, welche sogar mit einer englischsprachigen Präsenz für die internationale Presse erreichbar ist: auf einer Gmail-Adresse.

Trotz dieser tristen Aussichten auf Verbesserung der Lage geht man Shoppen und bildet sich entsprechend der eigenen Möglichkeiten weiter. So haben sich die jungen ukrainischen Programmierer zu einem international beachteten Startup-Hub entwickelt, ohne nennenswerte Unterstützung durch staatliche Stellen. Im Westen fragt man sich, warum die Ukrainer in dieser Zeit nicht sparen, um für schlechte Zeiten vorzusorgen. Doch scheint die ukrainische Ratio eher die zu sein, dass man ohnehin nicht wisse, wann die Gelegenheit zum Geld ausgeben denn da wäre.

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